Warum spielen wir dieselben Spiele immer wieder? Und wie verändert sich das Spielen durch die Wiederholung? Die Reihe „Der Wert des Wiederspielens“ widmet sich persönlichen Erfahrungen mit dem Wiederspielen. In diesem Beitrag beschreibt Alexa Sprawe (Zeichenblicke) ihre besondere Verbindung zu Ocarina of Time – und die Sehnsucht nach der Nicht-Erfahrung.

An diesen Augenblick erinnere ich mich, als sei es erst gestern gewesen: Ich war elf Jahre alt. Draußen schien die Sonne, das Sonnenlicht durchflutete das Kinderzimmer. Um mich herum war es still, während ich zum ersten Mal das Spiel startete, das mich noch viele, viele Jahre begleiten sollte. Die Titelmelodie erklang und das Logo erschien auf dem Bildschirm: The Legend of Zelda – Ocarina of Time (OoT). Wer war Zelda? Ich hatte mich vorher nicht über das Spiel informiert und ging davon aus, dass Zelda die Spielfigur sei. Heute muss ich darüber lachen.

Titelbild: Nintendo [The Legend of Zelda: Ocarina of Time]

Ich weiß noch, wie sehr mich die Atmosphäre im Kokiri-Dorf angesprochen hat. Die Natur, die schönen Farben und Lichter, überall flogen Feen und die kleinen Kokiri wirkten, als hätten sie alle Zeit der Welt und keinerlei Verpflichtungen. Es war eine friedliche, entspannte Situation, in der ich meine ersten Erfahrungen mit der Steuerung sammeln konnte. Springen, rollen, klettern – und später kämpfen. Wie aufgeregt ich war, als ich den Deku-Baum betrat, um mich meiner ersten großen Herausforderung zu stellen. Nicht nur in diesem Spiel, sondern überhaupt, denn OoT war mein erstes Action-Adventure. Mit klopfendem Herzen trat ich dem Endgegner gegenüber, meine Hände waren schweißnass, die Spannung beinahe unerträglich. Und wie erleichtert und stolz ich war, als ich den Gegner besiegt hatte. Dieses Erfolgserlebnis war mein Ansporn, mich weiteren Quests zu stellen.

Nicht nur beim ersten Mal beeindruckend: der Deku-Baum. | Bild: Nintendo
Nicht nur beim ersten Mal beeindruckend: der Deku-Baum. | Bild: Nintendo
Viele erste Male

Zum ersten Mal die hylianische Steppe betreten, den Marktplatz erkunden, geheime Verstecke finden und auf Epona reiten. Zum ersten Mal alle Lieder auf der Okarina erlernen, alle Dungeons erfolgreich meistern und die unterschiedlichen Völker kennenlernen. Zum ersten Mal Prinzessin Zelda begegnen und sie am Ende aus Ganondorfs Fängen befreien. Ich wollte entdecken, kämpfen, helfen. Das Neue und Unbekannte trieb mich an. Nach und nach ergab die Story einen Sinn; ich erlebte Wendungen und Überraschungen, wie ich sie nicht erwartet hatte, und musste mir jeden Tempel Schritt für Schritt erarbeiten. Insbesondere der Wassertempel war für mich kognitive Arbeit. Es war ein Puzzle, das mich gefordert hat: räumliche Wahrnehmung, Gedächtnistraining, Verknüpfung unterschiedlicher Schritte.

Ich bin daran gewachsen, wenn ich siegreich war, aber auch, wenn ich es nicht war. Das Scheitern lehrte mich, die Geduld zu bewahren. Nach dem Prinzip Trial and Error fand ich Lösungen und neue Wege, die mich ans Ziel brachten. Am Ende war aus dem Unbekannten Bekanntes geworden. Die Welt Hyrule war gerettet, die Prinzessin ebenso. Nicht nur für Link hieß es also, Abschied zu nehmen, sondern auch für mich. Vorerst.

Kognitive Arbeit im Wassertempel. | Bild: Nintendo
Kognitive Arbeit im Wassertempel. | Bild: Nintendo
Rückkehr nach Hyrule

Schließlich verspürte ich den Wunsch, nach Hyrule zurückzukehren. Ich wollte erneut in dieses spannende Abenteuer stürzen und all den in dieser Welt lebenden Wesen begegnen. Die Erinnerungen, die ich mit diesem Spiel verband, waren noch frisch und ich glaubte, das Wiederspielen würde die gleichen Emotionen auslösen.

Aber diesmal war es anders: Ich brachte mein Wissen um den Ausgang der Geschichte und die Lösungen aller Rätsel mit. Beim zweiten Spieldurchlauf war ich keine Anfängerin mehr. Ich wusste, was ich tun musste. Wo ich alle Goldenen Skulltulas finden konnte, welche Gegenstände ich brauchte, um einen Dungeon betreten zu können und mit welchen Tricks sich die Endgegner schneller besiegen ließen. Während Link beim Wiederspielen wieder bei null begann, hatte ich meine Erfahrungen im Gepäck.

Mit jedem weiteren Wiederspielen festigten sich meine Skills. Die Spieldurchläufe wurden immer schneller; ich rannte durch die Geschichte, klickte Dialoge gelangweilt weg (denn die hatte ich schon oft genug gelesen), vermied Umwege und plante meine Schritte (wenn ich schon mal in Kakariko bin, kann ich auch gleich dies und das erledigen) und ärgerte mich, wenn meine Strategie, Zeit und Wege zu sparen, nicht aufging. Freunde, die mir dabei zusahen, äußerten Kommentare wie „Aber du genießt das Spiel ja gar nicht!“,„Mach doch nicht so schnell!“, „So macht das doch gar keinen Spaß!“ und „Warum spielst du das Spiel immer wieder? Wird es nicht irgendwann langweilig?“. Nein, langweilig wurde mir nicht. Aber die Frage war berechtigt. Warum zog es mich immer wieder nach Hyrule?

Vetraute Melodien aus der Ocarina. | Bild: Nintendo
Vetraute Melodien aus der Ocarina. | Bild: Nintendo
Sehnsucht nach der Nicht-Erfahrung

Nostalgie ist eine einfache Begründung. Sehr Vieles ist mit diesem Begriff zu erklären. Warum wir in Erinnerungen schwelgen, wenn wir an bestimmte Orte denken, die mit positiven Emotionen verknüpft sind beispielsweise. Denke ich an den Tag zurück, an dem ich zum ersten Mal OoT spielte, kommen viele Gefühle hoch und schöne Gedanken. Das Wiederspielen ermöglicht mir, diese Reise noch einmal anzutreten. Stets erhoffe ich mir, zumindest einen Teil dessen zu erleben, was ich beim ersten Mal erfahren habe. Aber es wird nie wieder so sein wie damals. Die Rückkehr ist vorbelastet mit Wissen, das ich beim ersten Erkunden nicht hatte.

Nun nehme ich alles anders wahr. Ich gehe mit der Geschichte anders um, ich umgehe Wege, die ich zuvor ewig erkundet habe, ich spiele aus Spaß, aber mit anderen Anforderungen an mich selbst: Jetzt geht es vor allem um Schnelligkeit und darum, das Spiel zu 100 Prozent zu beenden (jedes Rätsel muss gelöst sein, jede Goldene Skultulla gefunden).  Ich kehre Immer wieder in diese Welt zurück, doch sie ist begleitet von der Sehnsucht nach der „Nicht-Erfahrung“. Denn egal, wie viel Zeit zwischen den Spieldurchläufen vergeht, die Erinnerung lässt sich nicht löschen – und kein Durchlauf ist jemals wieder mit so intensiven Gefühlen verbunden wie beim ersten Mal. Da ist kein Herzklopfen mehr und da sind keine schweißnassen Hände, weil ich die Spannung kaum aushalte. Keine Überraschungen und keine Neugier. Kaum etwas, was ich noch lernen kann.

Bei jedem Wiederspielen sehne ich mich danach, OoT noch einmal so spielen zu können, als wüsste ich nichts, noch einmal all die Gefühle und Gedanken zu durchleben wie beim ersten Mal. Noch einmal naiv durch Hyrule zu wandern, zu scheitern, Lösungen zu finden und aus Unbekanntem Bekanntes zu machen. Noch einmal Überraschungen zu erleben und stolz auf meine Erfolge zu sein. Noch einmal genauso wie Link bei null anzufangen, um nicht nur Spaß zu empfinden, sondern weitaus mehr.

Das klingt vielleicht widersprüchlich, denn einerseits gefällt es mir, mich in der Spielwelt Hyrule auszukennen, durch die Geschichte zu rasen und für alles eine Lösung zu haben. Andererseits erhoffe ich mir bei jedem neuen Spieldurchlauf die gleiche Spielintensität wie am Anfang. Ich weiß, dass das nicht möglich ist. Also gehe ich einen Kompromiss ein und sammele neue Erfahrungen, indem ich mir Herausforderungen suche: Diesmal beende ich das Spiel in fünf Stunden, diesmal will ich kein Lebensherz beim Endkampf verlieren usw. Und auf einmal ist sie wieder da, die Nicht-Erfahrung, die sich beim Wiederspielen in „Erfahrung“ umwandelt – ein ewiger Kreislauf, der mich dazu bringt, OoT immer und immer wieder auf unterschiedliche Art und Weise durchzuspielen.

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3 comments on “Ocarina of Time und die Sehnsucht nach der Nicht-Erfahrung

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Comments

  1. Lenny Dez 21, 2020

    Ein schöner Text, den sicher jeder mit seinem oder ihrem Lieblingsspiel verbinden kann. Da wünscht man sich geblitzdingst zu werden und zu vergessen, wie das Spiel aufgebaut ist und was man erlebt hat. Aber man ist auch ein anderer Mensch. Man ist älter, hat andere Spiele gespielt und andere Medien konsumiert. Vielleicht schafft auch das neue Anreize. Im Spiel weitere Ebene zu erkennen. Die Geschichten und Bedeutungen hinter der Geschichte. Oder in deinem Fall vielleicht in ein paar Jahren mit dem Nachwuchs Hyrule zu erkunden.

    • Alexa Sprawe Dez 21, 2020

      Lieber Lenny, danke für deinen Kommentar! Du hast Recht, jetzt bin ich älter, ich habe mittlerweile viele andere Spiele gespielt und deshalb einen anderen Blick darauf. Vermutlich wäre das Erlebnis deshalb anders als früher, auch wenn ich das Spiel jetzt erst zum ersten Mal gespielt hätte. Und ja, ich freue mich schon sehr darauf, OoT irgendwann einmal meinem Sohn zu zeigen. Ich bin gespannt, ob es ihm gefallen wird.

  2. Jessica Kathmann Jan 2, 2021

    Liebe Alexa,

    da habe ich gerade festgestellt, dass ich selbst noch nicht kommentiert habe. ^^’ Also hole ich das fix mal nach!
    Mich hat der Titel ja schon sehr neugierig gemacht. Was du wohl mit der Nicht-Erfahrung meinen würdest?

    Ich kenne diese Sehnsucht sehr gut und seit ich deinen Artikel gelesen habe, wird sie mir in vielen Kontexten (schmerzlich) bewusster. Dabei kann es sich um ein Game, einen Film / eine Serie oder eine ganz andere Erfahrung handeln. Allerdings zeigst du ja auch einen wertvollen Kompromiss auf: andere Schwerpunkte zu setzen, sich auf Anderes innerhalb des Bekannten zu fokussieren und damit doch wieder eine zumindest teilweise neue Erfahrung zu sammeln.
    Und manches erschließt sich einem vielleicht auch erst nach dem zweiten oder dritten Mal, weil der Blick für Details geschärft ist, die in der Flut der neuen Informationen des ersten Durchgangs untergegangen sind…

    Ein ambivalentes Thema jedenfalls, das du wunderbar in einen Text gegossen hast! Danke, dass du ihn uns hier bei BTS zur Verfügung stellst!

    LG,
    Jessica